Sonntag, 5. Oktober 2008

Thomas Bernhard ~ Das Kalkwerk (5:55 min.)



Endlich habe ich das Kalkwerk gefunden, so, wie ich es mir im Roman vorgestellt habe.

"Fro sagt, er, Konrad, mache das Fenster auf und höre die Äste der Fichten, er mache das Fenster über dem Wasser auf und höre das Wasser. Vollkommene Windstille bedeute aber nicht, dass er die Äste der Fichte nicht höre, das Wasser nicht höre, das Auge nehme keinerlei Bewegung in den Fichten wahr, keinerlei Wasserbewegung, trotzdem höre er Fichten und Wasser. Er höre die unaufhörliche Bewegung der Luft. Nimmt auch das Auge nicht die geringste Bewegung auf der Wasseroberfläche wahr, so höre er doch die Bewegung auf der Wasseroberfläche, oder: die Bewegung in der Tiefe des Wassers, Geräusche von Bewegungen in der Wassertiefe. Aus der tiefsten Stelle höre er die Bewegung herauf und immer wieder soll er gesagt haben, nicht nur zu Fro, auch zu Wieser, unter meinem Fenster ist, wie Sie wissen, die tiefste Stelle, gerade unter meinem Fenster, als ob ich das immer gewusst hätte, dass unter meinem Fenster die tiefste Stelle ist. Naturgemäß höre aus dieser tiefsten Stelle immer nur das auf diese tiefste Stelle des Wassers geschulte Ohr Geräusche herauf, das auf diese tiefste Stelle geschulte Gehör, ein anderes Gehör hört aus dieser tiefsten Wassertiefe nichts, alle meine Versuchspersonen hören nichts herauf, ich kann mit wem immer hier am Fenster stehen, soll er zu Fro gesagt haben, und fragen, hören Sie etwas aus dem Wasser herauf?, und der Gefragte antwortet, nein, er höre nichts. Und naturgemäß höre ich nicht nur ein einziges, ich höre viele Tausende von Geräuschen herauf und alle diese Tausenden von Geräuschen kann ich untereinander unterscheiden."

Thomas Bernhard
Das Kalkwerk

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